Büchertipps, Frauenliteratur
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Ein Buch für diesen Sommer: Das Land der Anderen

Obwohl kein typisches Sommerbuch, die Dünen fehlen, kein strafversetzter Kommissar ermittelt und auch kein Liebesschwur kommt vor, so ist „Das Land der Anderen“ doch meine klare Sommerempfehlung. Literaturbegeisterte finden in diesem Buch von Leïla Slimani alles, was es braucht, um sich lesend in einen fernen Kontext zu verlieren und etwas klüger daraus wieder aufzutauchen. Der Roman der französisch-marokkanischen Autorin und Prix Goncourt Preisträgerin, der im Marokko der Nachkriegsjahre spielt, kennt Tragisches und Gewalt, aber das Bild, das zurückbleibt, sind starke Figuren, die dem Leben nicht nur etwas abtrotzen, sondern es auch mit ihren Visionen und ihrer Beharrlichkeit durchtränken.

Kargheit, flirrende Hitze und Widerständigkeit

Im Zentrum der Geschichte steht ein ungleiches Paar, die starke und lebendige Französin Mathilde und Amine, der ernste Marokkaner mit den schönen Gesichtszügen. Zerrissen zwischen Tradition und Moderne, zwischen Aufbruch und Resignation verdingt Amine sein Leben mit der Fruchtbarmachung an sich unfruchtbaren Bodens. Mathilde sieht ihren Mann selten und zieht unter der flirrenden Hitze in der Abgeschiedenheit ihres einfachen Hauses deren beiden Kinder groß und beginnt in Ermangelung einer erfüllenden Aufgabe eine provisorische Krankenstation. Stärke, Erfindungsreichtum und Stolz sind hilfreiche Verbündete beider Protagonist*innen.

Die langen Schatten der Vergangenheit

Sich das eigene Scheitern einzugestehen, wird zu einer unwählbaren Option, zu viele Opfer wurden gemacht, der Kriegsdienst von Amine für die Franzosen, die Flucht aus dem bürgerlich-langweiligen Zuhause der humorvollen Mathilde. So finden der Schöne, der nie lacht (fantastisch beschrieben mit den oberen und unteren Zahnreihen, die keine Lücke zwischen sich lassen) und die ihn an Zentimetern überragende Stolze, wenn nicht endgültig zueinander, so auch nicht auseinander. Schicksalsmäßig aneinander gebunden ist es die Widerständigkeit, die sie neben ihrer Leidenschaft wohl am meisten verbindet.

Verwandte, Freunde, Betrüger und Nachbar*innen

Die Liste jener, die im Leben von Amine und Mathilde eine Rolle spielen, ist lang. Entbehrungen kennen viele, Ressentiment und gekränkte Männerehre, die nicht selten in Gewalt gegen Frauen endet, auch. Aber Momente der freundschaftlichen Verbundenheit, der Wert von Bildung und die Lebenslust der jüngeren Generation sind ebenfalls Begleitmelodie dieses Romans. Wer sich des von Armut und französischer Kolonialherrschaft gebeutelten Landes schließlich bemächtigen wird und mit welcher Konsequenz, bleibt offen.

Die Schreibkunst Slimanis

Besonders gelungen sind der französisch-marokkanischen Autorin, die in „Das Land der Anderen“ an das Leben ihrer eigenen Großeltern anknüpft, die Landschaftsbeschreibungen und der Sog familiärer Beziehungen. Chapeau auch vor den Gefühlsbeschreibungen ihrer Romanfiguren, gleich ob es sich um die Pensionatsschülerin Aïcha, Tochter von Amine und Mathilde, handelt oder um den früheren Kriegskameraden Amines mit Namen Mourad.

„Ehe Mourad die Küche betrat, wo sie alle versammelt waren, hielt er inne und beobachtete durch den Türspalt die kleine Familie. Ihm wurde langsam wieder warm. Er schloss die Augen und sog den Duft des Kaffees ein, der verbrannte. Ein Gefühl der Behaglichkeit überkam ihn und machte ihn ganz benommen. Es war wie ein Schluchzen, das man nicht unterdrücken kann. Er fasste sich an die Kehle, riss die Augen auf, um den salzigen Geschmack zurückzudrängen, der ihm in den Mund stieg. Amine saß seinem zerzausten Kind gegenüber.“

Wie es Slimani schafft mit kurzen Sätzen ganze Innen- und Außenwelten entstehen zu lassen und neben den Dialogen den Protagonist*innen auch das Ungesagte zu entlocken, liegt wohl in ihrer Meisterinnenklasse.

Zum Schluss …

„Das Land der Anderen“ ist 2021 auf Deutsch im Luchterhand Verlag erschienen. Der fast 380 Seiten starke Roman ist in mehrere Kapitel und Sinnabschnitte unterteilt, sodass man ihn auch in kleineren Paketen lesen kann. Eben perfekt für das Reisegepäck.

Bist du bereit, dich mit diesem Roman in das Land der Anderen zu begeben? Wo fängt die Fremdheitserfahrung an, wo hört sie auf? Wie ist es im „eigenen“ Land fremd zu sein oder fremd zu werden?

„Irène parkte auf der kleinen Straße gegenüber dem Haus ihrer Kindheit. Vom Gehweg aus betrachtete Mathilde den Garten, im dem sie so viel gespielt hatte, und hob den Kopf zum Fenster des Arbeitszimmers, wo wie so oft das stattliche Profil ihres Vaters gesehen hatte. Ihr Herz zog sich zusammen, sie wurde blass und wusste nicht, ob sie von der Vertrautheit dieses Ortes derart ergriffen war oder, im Gegenteil, von einem verstörenden Gefühl der Fremdheit.“

Wenn du nur einen Roman diesen Sommer liest, dann diesen.

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