Mit Kindern leben, Schule und Corona
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Ein bisschen Stockholm-Anzeichen habe ich schon

Irgendwie juckt’s mich in den Fingern. Ich möchte euch schreiben von so vielem, was ich in den letzten Wochen erlebt, gelesen und gebacken habe. Zum Beispiel türmen sich Bücher zu Wut auf meinem Nachtkasterl und dann gibt es neuerdings auf einmal auch irrsinnig viel Musik in meinem Leben. Überraschend ist das und überraschend schön noch dazu. Aber erst mal muss ich Folgendes verdauen: „Ich bin wieder draußen.“ Heimquarantäne überstanden. Klingt irgendwie fantastisch. Ist es wohl auch. Fühlt sich bloß nicht so an. Normalerweise fühle ich mich nach einer durchgestandenen Krankheit wie neu geboren. Die Haut glänzt, das Charisma auch – zumindest bilde ich mir das ein – und ich strotze nur so vor Energie. Und jetzt? Soll ich überhaupt raus? Wie ist es da draußen und sind da nicht viel zu viele Leute? Ich nehme erste Stockholm-Anzeichen an mir wahr …

Schrittweise Öffnung

Wenn man zwei Wochen „eingesperrt“ war, ehrlich, da wird man schon ein wenig eigen. Erstes Mal wieder die Tür aufsperren: Wenn ich sie ganz schnell und leise auf- und zusperre, wird’s schon keine*r merken. Direkt von der Quarantäne auf eine Faschingssause? Sorry, geht gar nicht. Da sind Menschen, viele Menschen, sprechende Menschen, lustige Menschen. Wieso sagt einem/einer denn keine*r, dass es eigentlich einen Quarantänekorridor braucht, schrittweise Anpassung an das Leben da draußen?? Supermarktbesuch statt Gurkerl.at an dem einen Tag. Kinder in die Schule bringen am anderen. Am dritten Tage dann vielleicht ein Spielplatzaufenthalt. Das reicht. Meine Tochter beim ersten Spielplatzbesuch nach der Quarantäne und mit Blick in den wolkenverhangenen Himmel: „Mama, schau. Die Sonne scheint. Ist das nicht schön?“ Auweiauwei. Wir sind nach einer guten halbe Stunde schnellen Schrittes wieder nach Hause aufgebrochen, in die vertraute Umgebung, mit den immergleichen Gesellen. Ja gut, am vierten Tag ist man dann schon nicht mehr so heikel. Weil den CT-Wert und den damit gewonnenen neuen Freiheitsgrad kriegst so schnell nicht wieder, den musst du nutzen!! Konzert, Theater – wir kommen!!

Ursachenforschung Fehlanzeige

Woran liegt es, dass sich das Gesundwerden wie ein langgezogener Kaugummi anfühlt? An Omikron selbst, das in meinen Augen das seltsamste Virus seit langem ist? Weder richtige Erkältung noch klassische Grippe, enthält es Symptome von beidem. Und dann auch wieder keine von beiden: keine belegte Zunge, keine Appetitlosigkeit, sogar der Kaffee schmeckt. Hää? Und dann noch diese ständigen Müdigkeits- und Gefühlsschwankungen. Ist das das bereits Long-Covid oder einfach nur die altmodische Rekonvaleszenz? Hat die Isolation ihren Anteil? Der zeitweilige Ausschluss aus der Gemeinschaft? (Das wäre übrigens ein gutes Zeichen, weil es hieße, dass wir für Gemeinschaft gemacht sind). Und was für eine Rolle spielt das neue Phänomen des bereits kranken Rumhängens, bevor man wirklich krank ist? Denn das passiert, wenn einen das Testergebnis und nicht das Krankheitsgefühl absondert. Spür ich schon was? Ist das schon ein Symptom? Oder liegt es schießlich am Weltgeschehen, das sich mitten in unsere kleine Quarantäneblase gedrängt hat und wie ein „Das ist alles falsch mit Ausrufezeichen“ anfühlt. Was geht da ab? Putin beginnt einen Krieg? Ich kann es nicht glauben. Wir können es nicht glauben.

Dankbarkeit

Wofür wir dankbar sind? Dass wir wieder gesund sind. Vom hartnäckigen Frosch im Hals abgesehen. Wir sind auch dankbar, dass unsere Kinder sich in der Zeit der Quarantäne „zusammengerauft“ haben und neue Phasen des Miteinander-Spielens eingeläutet haben. Vielleicht auch weil wir selbst recht entspannt waren. Wir sind noch immer extrem dankbar über unsere „Außenstellen“ in Zeiten der Heimquarantäne: das leckere Essen, das für uns gekocht wurde, die Spiele, DVD’s und Wolle mitsamt Stricknadeln, die uns als Abwechslung vor die Tür gestellt wurden. Die Anrufe, das Nachfragen nach dem Befinden. Weil es Verbundenheit zeigt. Und weil sich Verbundenheit verdammt gut anfühlt. Außerdem sind wir dankbar, dass die Quarantäne nun vorbei ist, un nsere Kinder und wir wieder Freund*innen treffen können, unseren Hobbys nachgehen.

Wir sind jetzt ein Musikhaushalt

Es hat sich schon angebahnt, als mein Sohn im Herbst das Klavier entdeckte. Nicht, dass es nicht vorher schon dagewesen wäre. Aber es wurde nicht beachtet. Jahrelang war es mehr Möbelstück und kleiner Zwischenzeit-Vertreib für den Herrn Papa. Seit der Quarantäne wurde es nun zum Mittelpunkt unseres Haushalts. Es zog die Kinderhände magisch an. Aber nicht nur das. Wunderbare Musikbücher hat uns der Postbote zugestellt. Seitdem erklingt die Königin der Nacht zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und dann bekomme ich neuerdings laufend Konzerteinladungen von Freundinnen. Ja, das ist das Leben. Wenn ein paar Muttis zusammen das Porgy&Bess stürmen, um die witzig-trashige Alicia Edelweiss an der Harmonika zu bewundern. Dann wissen wir wieder, warum wir in Wien sind und nix über die Freundschaft geht. Lachen, sich austauschen, den Hut drauf schmeißen.
Bleibt nur noch inständig zu hoffen – auch im Hinblick auf die Situation in der Ukraine -, dass die im Widerstreit gefangene Königin der Nacht nicht das letzte Wort hat, sondern ihre Kinder, die sich für Frieden und Gerechtigkeit zwischen den Völkern einsetzen.

‚Möge der Frieden immer währen und es in unserem Reich niemals wieder Krieg geben.‘“

(aus einer Nacherzählung zur Zauberflöte, Musikbuch im Prestel Verlag erschienen)

1 Comment

  1. Jill Burger says

    Liebe Christine,
    Wie wahr und wunderbar deine Zeilen sind, danke dafür! Zwischen herzlichem Lachen und zustimmenem Kopfnicken bin ich ganz bei dir, – als hättest du meine Geschichte erzählt 😉… Kinder exklusive, die sind schon aus dem Haus und haben alles anders erlebt, aber das ist wieder eine andere Geschichte…
    Ich wusste nichts von deinem Blog, werde nun sicher öfter reinschauen, glG von Jill 👋

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