Büchertipps, Frauenliteratur
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Wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt verändern

Wahrscheinlich habe ich es insgeheim schon immer gewusst, dass Fahrradfahren vor allem etwas mit Freiheit und Selbstbestimmung zu tun hat. Schon als junges Schulmädchen, als ich mein liebevoll als „alter Göppel“ bezeichnetes Fahrrad tagtäglich aus der Garage schob und wusste, dass ich den Abfahrtszeitpunkt bestimme und nicht der Busfahrplan. Das Fahrrad stammte aus der Nachkriegszeit, mein Großvater hatte es stolz für mich aus dem Schuppen gekramt.
Und später beim Ausgehen, als das Rad – inzwischen verfügte ich schon über eins mit mehreren Gängen – nicht nur die kostengünstige Variante zum Taxi darstellte, sondern mich auch noch zur Unzeit sicher nach Hause brachte. Was ich allerdings so gar nicht wusste, ist, dass Fahrradfahren verdammt viel mit Frauenemanzipation zu tun hat!! Dieses Wissen verdanke ich dem Buch „Revolutions. Wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt veränderten“ von Hannah Ross.

Die Farradpionierinnen

Da lese ich von Frauen, die Ende des 19. Jahrhunderts mit ihren damals noch wahrlich unpraktischen langen und wallenden Kleidern die ersten Fahrräder, Dreiräder und Hochräder, bestiegen, um diese neue Art der Fortbewegung auszuprobieren. Entgegen aller Unkenrufe und trotz des Hinweises bleibender medizinischer Schäden für fahrradfahrende Frauen, ließen sie sich nicht davon abhalten. Vieles, wie etwa der Gang an die Universitäten, wurde durch die Entwicklung des Fahrrads wesentlich mit beschleunigt. Räumliche Distanzen waren kein so großes Thema mehr und das Selbstbewusstsein stieg. Und selbst im Widerstand gegen den Nationalsozialismus hatten radelnde Frauen, die in ihren Transportkörben Flyer und sogar Bombenmaterial transportierten, wesentlichen Anteil.

Das Fahrrad als Massenphänomen

Bald schon erkannten Frauen auch die Chance, weitere Strecken zurücklegen zu können, als dies zu Fuß möglich gewesen wäre. Die Teilnahme an gemeinsamen Sonntagsausfahrten mit Freund*innen – so eine Art Landpartie am Rad – wurde möglich. Zu Beginn der Fahrradgeschichte war das Fahrradfahren ein Phänomen des Adels und der Oberschicht. Mit dem Aufkommen von Fahrrädern als Massenfabrikate wurden Fahrradmodelle für weite Teile der Gesellschaft erschwinglicher. Schon früh machten Frauen ein Drittel der radelnden Bevölkerung aus (zumindest gilt das für den angloamerikanischen Raum). Sie erkannten die Vorteile von Freiheit, Erholung und Transportmöglichkeit. Umso erstaunlicher mit welcher Behäbigkeit und Ausdauer sie immer wieder zurückgedrängt wurden. Noch heute können sie nicht gleichberechtigt an der Tour de France teilnehmen, weiß Ross.

Dagegen bin ich eine Lusche

Besonders beeindruckt hat mich, wie der innere Antrieb vieler Frauen so groß war, dass sie sich nicht nur über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzten, sondern auch sportliche Höchstleistungen erzielten und etwa Streckenrekorde aufstellten oder auch allein radelnd auf Weltreise gingen und das bereits zu einer Zeit, als für Reisen in ferne Länder weder Interrail, Flugzeug noch viele Reiseführer zur Verfügung standen. Sie waren mutig, konsequent und unbeirrbar. Und das obwohl ihnen bei weitem nicht der Luxus heutiger Fahrräder zur Verfügung stand. Die Räder waren schwer, ungefedert, hatten ständig platte Reifen. Den ersten Renn- und Weitstreckenfahrerinnen verdanken wir nicht zuletzt die Entwicklung von bequemer und praktischer Hosenkleidung für Frauen. Die ersten „Pluderhosenmodelle“, die bis zum Knöchel reichten, hießen Bloomers.

„Ob es den Leuten gefiel oder nicht, Tessie [Reynolds, die 1893 einen neuen Rekord im Radfahren für Frauen aufstellte] war eine Berühmtheit geworden. Schon bald verkauften Geschäfte in Brighton Postkarten von ihr in Reformkleidung. Ihr unverhohlenes Bekenntnis zu Bloomers mag anderen Frauen das Vertrauen gegeben haben, es ihr gleichzutun.“

Hannah Ross

Hannah Ross ist bekennende Fahrradapologetin

Hannah Ross‘ Fahrradgeschichte von Frauen baut auf Interviews auf, die sie mit fahrradfahrenden Frauen – Revolutionärinnen, Rennradfahrerinnen und Abenteurerinnen – aus verschiedenen Kontinenten, mit speziellem Augenmerk auf den anglo-amerikanischen Raum, gemacht hat. Ross ist selbst Britin und begeisterte Pedalistin. Als solche ist sie Teil eines Fahrradclubs, ein wohl typisch britisches Phänomen. Allein über den clubmäßigen geschichtlichen Ausschluss bzw. Einschluss von Frauen bis hin zur Entwicklung eigenständiger Frauen-Fahrradclubs lässt sich übrigens auch einiges zur Emanzipation von Frauen begreifen. Hannah Ross schreibt leichtfüßig und involviert und vergisst auch die Geschichter schwarzer Radfahrerinnen nicht. Revolutions ist ein Sachbuch, das viel geschichtliches Wissen um die Fahrradgeschichte birgt und das den Mut der Frauen hochhält.

Und meine Fahrradgeschichte?

Meine eigene Geschichte schließt hier auch an. Ich bin weder Rennradfahrerin noch habe ich mit der Mühsal der ersten Fahrradmodelle zu kämpfen. Und dennoch. Wenn der Fahrtwind durch meine Haare weht, dann fühle ich mich frei, so frei wie sonst kaum. Auf meinem Bike unterwegs zaubert es mir häufig ein Lächeln ins Gesicht und ich gestehe, ich fühle mich den Autofahrer*innen gegenüber dann schon auch ein wenig überlegen …
Wenngleich ich meine Alltagsfahrten nicht unmittelbar als emanzipatorisches Projekt sehe, so doch als politischen Akt und als zeitgemäße Antwort auf die ökologischen Herausforderungen der Gegenwart. Wer sich durch die engen und überfüllten Stadtstraßen wagt, braucht nämlich mehr als nur einmal den Mut der Fahrrad-Pionierinnen. Und der lohnt sich. Immer.

Hannah Ross, Revolutions. Wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt veränderten. Mairisch Verlag 2022. Originalausgabe in Englisch.

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