Mit Kindern leben, Natur entdecken
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Campingplatz – wieso weshalb warum?

Ich oute mich jetzt einmal ganz ungeniert. Wir sind eine Camper-Familie. Mit allem was dazu gehört. Schweißtreibender Zeltaufbau, Packen im Stil einer kleinen bis mittleren Haushaltsverfrachtung, selbst frustrierende Regentage kennen wir. Und ja, wir wissen schon, dass es Hotelbetten gibt, die warm sind und deren Bezüge jemand anderer für uns wechselt. Wir kennen auch Frühstücksbuffets und den Komfort von Spaduschen und Indoorpools.

Und trotzdem wählen wir im Zweifelsfall immer die Non-Hotel-Variante. Zumindest, wenn wir mit den Kindern unterwegs sind, aber auch sonst ganz gern. Warum?

Die Warumfrage

Diese Frage wird einem manchmal unverhohlen verständnislos, oder häufiger noch mitleidsvoll-anteilnehmend entgegengebracht. So als könnten wir es uns anders nicht leisten oder hätten einfach noch irgendwelche Überreste an Steinzeitwurzeln in uns, die uns nicht sehen lassen wollen, dass ein richtiges Dach über dem Kopf eine Art Errungenschaft ist, hinter die man nicht ernsthaft zurück wollen will. „Urlaub ist“, wird in erster Linie argumentiert, „keine Arbeit wie zuhause zu haben“ und der Genuss, einmal „von vorn bis hinten bedient“ zu werden und „dass man sich dieses bisschen Luxus wohl verdient hätte“. Und da haben wir es schon. Was ist denn nun Luxus? Her mit der Beschreibung. Weil darüber können sich Outdoor-Freaks, wie wir Campierer*innen es gerne sind und Buffet-Schlemmerer*innen wohl vortrefflich streiten.

Naturverbundenheit

Auch heuer ist es mir ganz klar aufgegangen, in einem Moment fast mystischer Schönheit, nach einer Woche Dauerregen am Campingplatz und der ernsthaft erwogenen vorzeitigen Abreise: Luxus ist in den Sternenhimmel blicken und die Zeit still halten zu wollen. Solch romantische Gesinnungen habe ich wirklich nur und ausschließlich, wenn ich campingmäßig unterwegs bin. Ist nicht so, dass ich nicht auch zuhause mal in den Himmel schaue, aber derart inhalieren tu ich das dann doch nicht, ganz abgesehen davon, dass selbst am Stadtrand von Wien, wo wir leben, immer noch genug Stadtsmog Sicht und Lunge versperren.

Und erst die Möglichkeit in Windeseile vom drinnen nach draußen zu wechseln, weil das Drinnen im Grunde das Draußen ist. Die unkomplizierte Weise, mit der Natur in Kontakt zu kommen, nein, mit ihr zu leben, die Tautropfen zu begrüßen und die Vögel auch. Klar begrüßen einen manchmal auch die Ohrenschliefer (vulgo Ohrwürmer) und auf das könnte man getrost verzichten, aber na ja. Sind eben auch Natur. Und auch wichtig.

Geerdete Kinder

Und dann der Luxus sich selbst organisierender Kinder. Ihr seht, ich komme ins Schwärmen. Die Campingplatzwelt ist ja eine Miniaturwelt in sich. Kurz mal zum Campingspielplatz alleine vordüsen, sich auf der Straße für ein Badmintonspiel verabreden. Und erst die Güte und Tiefe des Schlafes aller nach ständiger Frischluftzufuhr. Uns kommt es vielleicht nur so vor, aber irgendwie scheinen die Kinder in ihrem ureigensten Element zu sein. Sie lieben die Übersichtlichkeit, das ständige eigenständige Erweitern des eigenen Aktionsradius in einem im Grunde geschützten Rahmen. Und natürlich viel draußen zu sein, in der Erde wühlen und den Bachlauf verfolgen. Es entspricht ihnen. Ich komme nicht umhin, es so zu sehen. Und wenn die Kinder entspannt und eigenständig sind, dann sind es die Eltern auch. Dann geht sich ein störungsfreies – na ja störungsarmes trifft es wohl eher – gemeinsames Glas Rotwein aus.

Die große Freiheit oder das private Glück der Lemminge

Was die persönliche Freiheit anbelangt, da sind Campingfans ja sehr eigenwillig. Einerseits ähnelt ihr Leben kleinen Lemmingen (ihr erinnert euch vielleicht nicht, aber dazu gab es auch ein Videospiel, wo alle alles exakt gleich machen, bis dahin, gemeinsam einen Felsen runterzuspringen). Denn habt ihr schon einmal so einen Zeltplatz von außen beobachtet? Wie alle immer wieder eifrig rumwerkeln? Nach einem unsichtbaren Rhythmus Toiletten leeren, Müll wegtragen, Geschirr an gemeinsamen Waschstationen waschen? Und kaum blinzelt die Sonne raus, sich unisono an die Tische vor die eigene Zelthütten/das Wohnmobil knallen und quasi synchron die Nasenspitze gen Sonne ausrichten? Andererseits ist ihnen die persönliche Freiheit das allerhöchste Gut: „niemand redet mir drein“, „ich organisier mir die Dinge nach meiner Art“ und auch „ich hab mein eigenes Zeug dabei, von dem ich auch weiß, was es kann“. Keine automatischen Flurleuchten, keine vorgegebenen Essenszeiten, kein Nullachtfünfzehn Handtuch. Da schon lieber das hundertmal gewaschene, das durch maximale Farblosigkeit glänzt. (Na gut, heutzutage ist natürlich alles klein, leicht und funktional.)

Die Hotelidylle

Ich für meinen Teil bin nun absolut keine Hotelvernadererin, bitte nicht falsch verstehen. Unfassbar chillig sind Wochenenden zu zweit in irgendwelchen Thermen oder auf Dachterrassen bei Croissant und Espresso in kulturell interessanten Cities. Und ehrlich, wir mögen es auch ganz und gar nicht, wenn es tageweise nass ist oder die Sonne so auf das Zeltdach prallt, das um 7 Uhr in der Früh schon nicht mehr an Schlaf zu denken ist. Da können schon Fantasien nach einer Klimaanlage wach werden… Und wir haben außerdem null Missionierungsbedarf. Im Gegenteil. Seit Corona gibt es ja einen regelrechten Campingboom, den wir Langzeitcampierer durchaus mit Sorge beobachten. Denn es zählt sozusagen zu unserer Standesehre, dass wir Wind und Wetter und Mainstream zum Trotz das Campieren in unserem Blut haben. Von Kindesbeinen an und solange uns die Matratzen tragen. Yeeah.

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