Gemeinwohl
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Warum ich in der Genossenschaft für Gemeinwohl bin

Christine alias Heldin im Chaos ist mit zwei Rucksäcken bepackt und blickt zu dir

Ich erinnere mich noch genau. Es war 2015 und noch sommerwarm, als ich mit dem Fahrrad zu meiner damaligen Arbeitsstätte unterwegs war. Beim Warten an der roten Ampel vor der letzten Straßenquerung entdeckte ich einen Aufkleber am Ampelmasten. Auf diesem war ein buntes Logo abgedruckt und sinngemäß die Frage, ob ich auch finde, dass Geld wieder mehr dem Gemeinwohl dienen sollte. Aha, meine mich in meinem Privatkämmerchen beschäftigenden Fragen haben also auch andere Menschen? Und diese sich als Genossenschaft für Gemeinwohl bezeichnende Gruppe ist auch noch so sympathisch old school, dass sie Aufkleber an Masten verteilt? Ich war gerade mal wieder auf der Suche nach einer neuen Bank, einer die klug und sinnvoll agiert, und dachte mir, dass ich bei der Gruppe vielleicht fündig würde. Doch brauchte es exakt noch weitere fünf Jahre, bis ich schließlich Kontakt aufnahm und ganz stolz meine ersten Genossenschaftsanteile unterschrieb.

Work und Life Balanceakt

Was lag dazwischen? Wie so oft und bei den meisten: das Leben. Andere Dringlichkeiten. Unmittelbareres als ein doch auf den ersten Blick eher abstraktes Gemeinwohlprojekt. In meinem Fall war ich zur Zeit der „Ampelmastengeschichte“ erst kürzlich Mama geworden. Was mich zwar einerseits politisierte, denn dieses Kind und alle Kinder dieser Erde sollten eine bessere Welt erwarten dürfen, und andererseits hat es mich auch zurückgeworfen auf den Boden der Realität, die in schlaflosen Nächten, neuen Freizeitaktivitäten (Spielplatz statt Computer) und einer sich immer mehr im Hier und Jetzt abspielenden Denk- und Lebensweise bestand. Der ersten Zeit mit Baby kaum entwachsen ging es Schlag auf Schlag weiter, ein Dissertationsprojekt wartete auf Fortsetzung (es wurde by the way nie abgeschlossen, habe aber viel zu Bildungsgerechtigkeit mitgenommen), einen neuen Alltag mit Kindergruppenbring- und abholzeiten sowie Kochdiensten galt es zu integrieren, bevor wir 2018 schließlich zum zweiten Mal Eltern wurden. Und somit zurück zum Start 🙂

Die Krise ist so was von ehrlich

Warum erzähle ich das? Weil alles mit allem zusammenhängt. Es ist kein Zufall, dass in unserer Gesellschaft Gemeinschaft keinen sehr großen Stellenwert hat, aber die Entwicklungen am Börsenmarkt schon. Es ist auch kein Zufall, dass Kinder und Familien in der Politik nur nachgeordnet vorkommen, wohingegen Banken mit staatlichem Geld heroisch „gerettet“ und auch Unternehmen anlässlich der Coronakrise wie selbstverständlich gefördert werden. Jetzt bin ich nicht prinzipiell gegen staatliche Finanzintervention und speziell viele kleine und mittelgroße Unternehmen (und deren Überleben) liegen mir persönlich sehr am Herzen, aber angesichts der lange Zeit ideen- und scheinbar alternativlosen Schulschließungen zur Pandemiebekämpfung und einer wie quasinatürlichen Übertragung von zusätzlichen Betreuungspflichten auf die Eltern, bin ich resternüchtert. Der Elternjob ist nichts wert. Autsch! Das ist jetzt nicht neu, aber eine Freundin meinte dazu richtig, dass es einen Unterschied macht, ob man weiß, dass eine Herdplatte heiß ist und dass das Hingreifen weh tut, oder ob man sich tatsächlich daran anstößt und dabei Verbrennungen zuzieht.

Von der Ernüchterung zur Solidarität

Nicht nur uns Familienarbeiter*innen hat die Coronakrise hart getroffen. Auch in vielen anderen Bereichen hat sich gezeigt, dass die alleinige Konzentration auf (monetäre) Gewinnvermehrung und einseitiges Konkurrenz- und Leistungsdenken keine Zukunft hat. Auf einmal sind Geschäfte und Restaurants zu. Wegen Virus geschlossen. Höheres Naturgesetz. Gleich, wie gut oder schlecht die einzelnen gewirtschaftet haben. Das hat meine Generation – ich bin 1981 geboren – so noch nie erlebt. Existenzen stehen plötzlich am Prüfstand. Was passiert, wenn die Kurzarbeit zu Ende geht, wenn die Insolvenzen zunehmen und auch die Arbeitslosigkeit? Wer wird das bezahlen und mit welchem Geld? So viel ist sicher: Wir werden eine neue Form der Wertschöpfung brauchen, um uns aus dieser Krise und ihren Folgen rausziehen zu können. Die bisherige Finanzierungslogik greift nicht mehr, denn wer bitte soll die Schuld am Virus abtragen? Wer bestimmt, wen es zurecht trifft und wen nicht? Der alte Leistungsgedanke taugt somit nicht mehr. Es ist also der ideale Zeitpunkt, Leistung endlich an die Gemeinwohlausrichtung zu knüpfen.

Gemeinwohl als Ziel steigern

An der Gemeinwohlperspektive schätze ich, dass sie krisensicher ist, das ist ihr großes Plus. Denn sie ist nicht vom Finanzmarkt allein und seinen krisenbedingten Schwankungen abhängig. Außerdem wird in ihr angestrebt, dass es keine Totalverlierer*innen gibt. Von der Idee her geht es nämlich darum, dass nicht wenige viel und viele wenig, sondern dass alle genug haben. Der aktuell grassierende Virus ist wohl Ursache und Symptom unseres mehr als fragwürdigen Umgangs mit Umwelt und Mitmensch. Das ist der Grund, warum ich gerade j e t z t die Genossenschaftsanteile unterschrieben habe. Weil es meines Erachtens keinen ungebrochenen Weg zurück in Vor-Coronazeiten gibt und unabhängig davon, wie schnell oder langsam sich dieser, mit oder ohne entsprechender Impfquote vollzieht. Weil „zurück in den gewohnten Alltag können“ nur teilweise nach Erlösung klingt. Wer kann in dieses Hamsterrad freiwillig zurück wollen? Wer kann es kaum erwarten, das zigte neue Shampoo in der endlosen Reihe des Shampooangebots am Markt zu finden? Ich jedenfalls nicht. Mich fadisiert das schon lange. Mit meinem Beitrag sollen stattdessen gute und lohnende Projekte zum Wohl aller vorangetrieben werden.

Die Ampelstory und ihr gutes Ende

Um auf meine „Ampelstory“ zurückzukommen. Als mein früherer Vorgesetzter und Geschäftsführer des Krankenhauses, in dem ich damals arbeitete, dieses bei einem Meeting tatsächlich als „Konzern“ bezeichnete und uns Mitarbeitenden zur Erfolgsuntermauerung monatlich die aktuellen Zahlen (und diese einzig und allein) vorlegte, erstarrte ich innerlich. Den Gesichtern um mich herum – meist Pflegekräfte und Verwaltungsmitarbeiter*innen – zu entnehmen, war ich nicht die einzige mit Bauchweh. Nicht zuletzt aus Sicht des Care- und Pflegebereichs ist es also besonders wichtig, eine Neuausrichtung im Umgang mit Geld, Gesundheit und „Kümmerverantwortung“ zu erreichen. Viel Wissen ist schon vorhanden, was sinnvollere und weniger sinnvollere Maßnahmen sein könnten. Lasst uns gemeinsam lernen! Für den Anfang finde ich die Genossenschaftsanteile gut und auch die Rekalibrierung der Unternehmen auf Sinn und Mitmenschlichkeit. Die Care-Perspektive wird dann wie von selbst an Bedeutung gewinnen. Und wann bist du bereit zum Unterzeichnen deiner ersten Genossenschaftsanteile?

Diesen Beitrag habe ich für die Genossenschaft für Gemeinwohl verfasst. Er ist hier erschienen.

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