Mit Kindern leben, Schule und Corona
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Sommer mit Schulkind: Drei No Go’s

Die Temperaturen passen. Die Stimmung auch: „Mama, ich mag nicht mehr in die Schule, wann sind eeendlich Ferien?“ Und für Sommerunterhaltung ist auch schon gesorgt. Omabesuch in Vorarlberg, Campingurlaub in den Bergen und ein steirisches Wildniscamp lassen das Kinderherz unseres Erstklässlers höher schlagen. Nur die Frau Mama will nicht zur Ruhe kommen. Drei Dinge gehen ihr gehörig auf den Keks: Gurgeltests in Sommercamps, Sommerschulen zur Leistungsnachholung und 9 (echt, immer noch??) lange Ferienwochen.

Gurgeltests in Sommercamps

Unser Schulkind ist jetzt schon der Meistgeteste in unserem Haushalt – dreimal die Woche(!) -, obwohl er zeitgleich der am wenigsten Gefährdete ist. Das wiederholen Public Health Leute in der Dauerschleife: Es handelt sich bei Kindern um eine nicht primär gefährdete Zielgruppe, die Durchimpfungsrate bei den Erwachsenen ist zudem bereits hoch und die aktuelle Inzidenz lässt sich by the way sehen (und gilt in ihrer Aussagekraft und Wirksamkeit übrigens für alle, auch für Kinder, selbst wenn sie nicht zu den wirtschaftskräftigen Konjunkturbescher*innen zählen).

Lasst uns gemeinsam an einer Lobby der Kinder arbeiten.

Ihre Lobby ist nur echt besch… Und ja, ein bisschen müssen wir nach eineinhalb Jahren Coronaschule schon auch über potenzielle psychische und soziale Folgeschäden nachdenken, die aufgrund einer Übermedikalisierung an sich gesunder Lebensläufe zustande kommen können. Welche Angstbilder werden da generiert? Welche Hygienevorstellungen entwickelt? Und auch welches Selbstbild: du überträgst Krankheiten, deine Hände sind schmutzig – du bist schmutzig, Nasenpopel popeln ist gefährlich, umarmen ist gefährlich, Sport ist gefährlich, Feiern ist gefährlich, tanzen, singen sowieso … allein zuhause rumsitzen und in den TV starren (ihr erinnert euch an diese eindrückliche Regierungswerbung für adäquates Lockdownverhalten) ist nicht gefährlich. Häh??!

Urlaub vom Testen, mmmmh, fühlt sich nach Leichtigkeit und unbeschwerten Sommercamps an …

Sommerschule zur Leistungsnachholung

Gut gemeint ist auch nicht immer gut. Klar, will man Versäumnisse aufholen. Klar, sollen Kinder gleiche Startvorausseztungen im Herbst haben, insbesondere die Kinder, die pandemiebedingt noch mehr ins Hintertreffen gelangt sind. Nur wo und an welchem Fleck wird aufgeholt? Die Sommerschule ist meines Erachtens ein soziales Benachteiligungsthema, das sozial Benachteiligte wieder benachteiligt. Sie werden nun nämlich sogar ihrer Erholungszeit beraubt. Wenn die Schule es nicht schafft, auch im äußersten Testfall einer Pandemie, Kinder aus (wie auch immer: sprachlich, sozial, räumlich) benachteiligten Familien angemessen zu erreichen und zum Lernen zu motivieren, dann hat die Schule – und viel mehr noch das Bildungssystem insgesamt – ein echt krasses Problem und nicht das Kind.

Die Pandemie ist da nur ehrlicher als manche unserer feinen Schulbroschüren und Ministerialhashtags.

Wir haben kein egalitäres Schulsystem und die Sommerschulen werden das auch nicht ausgleichen. Sie werden noch weitere Gräben zwischen jene graben, die es sich leisten können nach dem Sommer wieder erholt in den Klassen zu sitzen und jenen, die den mentalen Coronastress auch noch im Sommer dankbarkeitsgeschult und mit kaum Unterbrechung weitererleben dürfen. Für vielleicht ein paar reduzierte Grammatikfehler und bestimmt jeder Menge zusätzlicher Nasenbohrertests.

9 furchtbar lange Wochen Sommerferien

Da wäre es weit ehrlicher endlich die langen Sommerferien insgesamt auf ein sinnvolles Maß zu reduzieren – und das dann aber für alle. Das würde Eltern und Kinder gleichermaßen entstressen. Und Bildungsbenachteiligte sowieso. Die Lernzeit wäre über einen weniger dichten Zeitraum aufgeteilt und böte mehr Chancen zu Wiederholung. Es bliebe auch mehr Zeit für Ausflüge, Freizeitbetreuung sowie Spaß und Spiel. (Denn wehe da wird bloß wieder noch mehr Lernstoff reingestopft!!)

Die Ferien selbst könnten dann und dafür wirklich Ferien sein, in denen mehrheitlich Erholung und Freizeit im Vordergrund stehen.

Neun Wochen Schulferien sind nämlich ein Modell, das seinesgleichen sucht, aber nur in einer weiten Vergangenheit findet. In einer Vergangenheit, in der Bedingungen herrschten, die es heute zum Glück nicht mehr gibt. Als viele Kinder bei uns in Europa noch allsommerlich im Feld und am Hof mitarbeiten mussten. Inzwischen dürfen Eltern sich einen kreativen Sommersport daraus machen, wie sie die endlos langen Wochen durch Großelternbesuche, (mehr oder weniger teure) Sommercamps und zwischen den Eltern aufgeteilten Kinderbetreuungsurlauben (hach, wie erholsam) zusammenorganisieren. Manche beginnen hierfür ernsthaft schon im März!!

Das eine Jahr mit den vier Jahreszeiten

Ich bin also nicht für mehr Schule im klassischen und herkömmlichen Sinn. So quasi „streichen wir einfach ein paar Ferienwochen im Sommer und verpassen den Kindern noch mehr Stoff“. Nein! Kluge Lern-Freizeit-Verschränkungen während der laufenden Schulwochen sind gefragt, denn der Hochleistungsbetrieb, der an manchen Schulen herrscht, ist nicht mehr lern- und lebensdienlich. Stabile Ferienzeiten unterm Jahr, in allen vier Jahreszeiten, sind ebenso und weiterhin wichtig. Sie schaffen Struktur und Unterbrechung und fördern Gemeinschaftszeit, auch abseits der Schule.

Ideen für heiße Sommerstunden hätte ich übrigens auch, etwa Musizieren im Park. Das würde auch gleich insgesamt bei der flanierenden Bevölkerung die Stimmung heben, jetzt wo vermutlich nicht wenige Sommerfestivals abgesagt sind … Von der ansteckenden Freude wasserpritschelnder Kinder ganz abgesehen.

Schöne Ferientage!

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