Büchertipps, Frauenliteratur
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Schreibtisch mit Aussicht

Schreibtisch mit Aussicht Portrait Christine lesend

Zu meinem Geburtstag Anfang des Jahres – genaugenommen am wirklich allerersten Tag des Jahres, zu Neujahr – hat mir mein Mann ein Buch geschenkt. Jetzt denkt vielleicht so manche/r „Gähn und Schnarchnase“, aber nicht, wer meinen Mann kennt. Jedes Buch aus seiner Hand ist eine Liebeserklärung an den oder die Beschenkte/n. Was mich anbelangt hat er zudem Humor bewiesen, denn es trägt den sinnigen Titel „Schreibtisch mit Aussicht“ und wer meinen Schreibtisch kennt, weiß, dass dieser auf eine Wand zeigt. Und die ist noch dazu in einem grässlichen Grün gestrichen. (Gut, die Farbe habe ich selbst zu verantworten, aber das ist wieder eine andere Geschichte.)

„Stimmt’s Schatz?“

Das Buch ist auch inhaltlich definitiv eine in einen Buchdeckel eingeschweißte Liebeserklärung, nämlich an alle schreibenden Frauen und so wohl indirekt auch an mich als Verfasserin von Bloggingtexten. Weil das Buch und mein Mann mir damit wohl sagen wollen, dass ich mich nicht unterkriegen lassen soll, dass ich weiterschreiben soll, was auch die Widerfahrnisse sind, die mir im Alltag so begegnen. Weil andere das auch schon erlebt haben, die noch dazu in einer ganz anderen Liga spielen. High end sozusagen. So bedeutende Vorbilder wie Antonia Baum, Sibylle Berg, Elena Ferrante, Eva Menasse, Mariana Leky, Terézia Mora und Zadie Smith, um nur sieben der 24 Essayautorinnen zu nennen, geben uns in „Schreibtisch mit Aussicht“ Einblick in ihren persönlichen Schreibprozess. Das Vorhandensein dieses geglückten und ermutigenden Bandes verdanken wir der Herausgeberin Ilka Piepgras.

Mut zur Lücke

So beschreibt etwa die preisgekrönte US-amerikanische Autorin Anne Tyler, in deren zum Eröffnungsbeitrag auserkoren Aufsatz „Ich schreibe nur“ aus den 70-er Jahren, wie sie immer wieder als Mutter von zwei Schulkindern schreiben will und bereits im Kopf Romanfiguren entwickelt, aber ständig ausgebremst wird, weil Osterferien sind (und somit keine Schule), weil der Hund im Anschluss dann auch noch Würmer bekommt, weil immer auch der ganz normale Haushaltsalltag ansteht (Einkaufen, Kochen, Putzen), weil, kaum wieder drin im Schreiben, munter weitere Unterbrechungen folgen: Reparaturdienst organisieren, Arztbesuch managen… Tylers Leben ist ein Leben der ständigen Unterbrechungen und die Kunst besteht scheinbar darin, Lücken zu finden, in denen auch mal am Stück gearbeitet werden kann. Das berichten auch viele weitere der im Band versammelten Beiträge. Da auch ich häufig mit der mangelnden Schreib-Zeit hadere, finde ich das irgendwie versöhnlich.

Vielfalt der Schriftstellerinnen

Es schreiben in dem Band Frauen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen, manche sind auch Eltern, manche nicht, manche haben eine Migrationsgeschichte im Gepäck, andere eine harte Kindheit, manche brauchen fixe Rituale zum Schreiben und einen klar definierten Arbeitsplatz, bei anderen wiederum kommt nur inmitten öffentlicher Cafés das Räderwerk des Schreibens in Gang. Auch die methodische Herangehensweise, der Schreibstil und die Themen unterscheiden sich. Es geht etwa um Demenz, um Exil, um Sex, um kulturelle Differenz, um Alltag, um Neid und Kindheit und mit welchen Inhalten das Leben sonst noch aufwartet. Die 24 ausgewählten Schriftstellerinnen sind allesamt internationale Gegenwartsautorinnen, zwischen 1941 (die Älteste) und 1988 (die Jüngste) geboren. Dieser Essayband ist für alle Gernleserinnen und -leser definitiv ein guter Wegweiser, um eine Idee zu bekommen, welches Werk als nächstes auf der Leseliste stehen sollte. Ich persönlich habe mit meiner Liste natürlich wieder mal total übertrieben. Einfach alle. Und am besten jetzt sofort. („Gell Schatz?“)

Arbeit, Schaffen und Werk

„Ich bin Geschichtenerzählerin. Ich brauche Wörter zum Leben, wie ich Luft, Wasser und Nahrung brauche.“ (S. 46), schreibt Elif Shafak an einer Stelle. Was bei allen erwähnten Schriftstellerinnen klar wird, ist, sie können und wollen nicht ohne Schreiben, auch wenn es beinharte Arbeit ist. Darauf verweisen die Autorinnen und Herausgeberin gleichermaßen. Leila Simani meint etwa: „Wenn man beim Schreiben Schwierigkeiten hat, ist die einzige Lösung arbeiten, arbeiten, arbeiten.“ (S. 205) So locker-flockig und überzeugend mancher Text sich ausnimmt, er war entweder pedantische Arbeit an Wort und Satzbau oder nicht minder anstrengend rauschhaftes Herausschrei(b)en mit anschließendem Nach- und Umarbeiten. Oft wird von Verzicht (kein Urlaub, keine Wochenenden), schlechtem Gewissen (anderen gegenüber in Intensivschreibphasen), Existenzängsten (wenn Schreiben dem Broterwerb dient) und fast immer von Verzweiflungsmomenten („Ich kann es nicht“) berichtet. „Jedes fertige Buch ist ein gescheiterter Versuch. Aber wenigstens auf sauberem Niveau“, schreibt dazu Sibylle Berg. (S. 219)

Zuspruch und Unterstützungsnetzwerk

Ebenfalls wird deutlich, wie wichtig Unterstützung und Zuspruch sind. Häufig ist es ein Universitätsprofessor, der Lebenspartner oder eine Verlegerin bzw. ein Lektor, die zum Weitermachen und Dranbleiben anspornen. Die Schriftstellerin Katharina Hagena etwa schreibt:

„Hatte ich Schübe von Zweifeln und Selbstmitleid und klagte darüber, dass ich keinen Job hätte, ja, genau genommen nichts sei, eine sogenannte „Nur“-Hausfrau, eine Hobby-Autorin und vor allem ein verheerendes Rollenmodell für meine Tochter, sagte mein Mann nüchtern, ich solle mich wieder an die Arbeit machen. Damit meinte er nicht die Joyce-Forschung, auch nicht das Übersetzen, in dem ich mich damals wenig erfolgreich versuchte, sondern meinen Roman.“

In Folge entwickeln ihr Mann und sie etwa ein neues Urlaubsarrangement: er fährt jeweils mit den Kindern allein auf Urlaub, wenn für sie die intensive Abschlussphase eines Romans ansteht. Doch nicht alles lässt sich individuell „ausbügeln“. Selbstverständlich zeigt es auch viele gesellschaftliche Lücken, etwa die mangelnde soziale Absicherung von Schriftsteller*innen, die fehlende Anerkennung von Schreiben als Arbeit, schließlich auch die mangelnde Sichtbarkeit von Frauen in der eigenen Zunft der Literaturarbeiter*innen.

Aus einer Liebeserklärung wird eine Liebeserklärung wird eine Liebeserklärung

Ich bin restlos begeistert von dem Buch. Weil ich darin immer wieder etwas (neues) finde, gleich wie oft ich darin lese und wie häufig auch die immer selben Passagen. Es muss Liebe sein, denn sie ist nicht nur geistiger Natur, sondern auch physischer. Ich streiche sanft über die Bücherseiten, ich verbitte mir Eselsohren, so viel Gewalt darf diesem Band keinesfalls angetan werden. Und da bin ich sonst nicht zimperlich. Habe ich schon erwähnt, dass es sich um ein Hardcoverbuch handelt mit fancy Cover – macht sich gut im Bücherregal – und dass es sich noch dazu pippifein in der Hand anfühlt (was für ein Weichmacherstoff ist denn bitte in dem Papierumschlag drin??). Man kann es also sowohl lesen als auch damit kuscheln. Und ein Kanon der ganz Großen ist es noch dazu.

„Vieles mit dem Schreiben ist wie mit der Liebe; es kommt auf den Zeitpunkt an. Und zwar auf den genauen Zeitpunkt, der nicht in Jahren, sondern in Sekunden gemessen wird.“

Eva Menasse, Helikopterlandeplatz

Der Essayband „Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben“ ist 2020 im Klein&Aber Verlag erschienen.

Diesen Beitrag habe ich übrigens im Laura Ashley-Zimmer meiner Eltern verfasst. Inspiriert vom vielen Licht und dem Gefühl, dass jederzeit Virginia Woolf oder Jane Austen ums Eck biegen könnten. Danke Mama und Papa.

3 Comments

  1. Nadja says

    Ich glaub der Klein&Aber Verlag gibt nur tolle Bücher heraus. Dein Artikel jedenfalls macht Lust auf mehr…

  2. Simone says

    Jetzt hab ich sehr Lust aufs Lesen bekommen und ein breites Lächeln im Gesicht. Danke für den guten Start in den Tag!

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