Gemeinwohl
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Mehr Massentests für alle

Menschen in Vogelperspektive

Diese Woche waren wir bei der Covid-Massentestung in der Stadthalle Wien. Also nicht alle von unserer Familie, sondern mein Mann und ich. Und auch nicht gemeinsam, sondern hintereinander. Er am Abend. Ich in der Früh. Wegen der Kinder. Eh klar. Covid-Massentestung klingt nicht sehr prickelnd, war es zu unser aller Überraschung jedoch sehr! Volle Punktezahl. Uneingeschränkte Empfehlung meinerseits.

Immer wieder, immer wieder, immer wieder Massentest

Während die Testverweigerer*innen weiterhin aktiv für eine Nicht-Teilnahme mobilisieren, da sie die weihnachtliche Umarmung mit der Oma durch einen Positivbefund gefährdet sehen und die Pro-Testler*innen im Gegenzug dazu übergegangen sind, wie wild in den Social Medias gegen die Zuhausegebliebenen zu bashen, zitiere ich an dieser Stelle gerne eine Freundin nach ihrer ersten Massentesterfahrung: „Es war – ich trau es mich fast nicht sagen – genial. Super organisiert von A bis Z, alle freundlich, selbst beim vermutlich 1000sten Staberl noch ein Lächeln im Gesicht. Von mir aus könnte ruhig noch mehr getestet werden. Ich geh sicher wieder hin.“ Und das ist jetzt nicht ironisch gemeint. Bumsti. So öffentlichkeitsverhungert sind wir also inzwischen? Wir ziehen ein Test-Event mit Staberl in der Nase dem ewigen Stubenhocken vor?

Verkehrte Welt

Wir – das sind Familiensystemerhalter*innen wie mein Mann und ich – sind hin- und hergerissen. Einerseits wollen wir einen Beitrag leisten, andererseits sind wir mit unseren Kräften so ziemlich am Ende. Einen Massentesttermin zu organisieren im übervollen Alltag ohne Betreuungsinstitutionen (und für viele auch weiterhin ohne Großeltern) und in einer Vorweihnachtszeit, in der die meisten Einkäufe und Vorbereitungen liegen geblieben sind (weil online shoppen ja böse, aber heimische Geschäfte besuchen in den ersten Tagen auch böse), ist echt eine Mega-Challenge. Manche Familiensystemerhalter*innen haben schon vorab w.o. gegeben, manche sparen es sich vom Mund ab. Andere hoffen auf den Weihnachtsmann oder das Christkind. Warum eigentlich nicht?

Geläutert

Dennoch muss man die Sinnfrage wohl stellen dürfen. Schließlich haben wir über Jahre brav gelernt, dass man nicht blind einem Massenaufruf folgen sollte. Wenn wir seit Wochen eh quasi niemanden außer den Supermarktkassier*innen gesehen haben und die Kinder häufig nicht einmal Schule und Kindergarten besucht haben, wie gefinkelt muss so eine Ansteckung denn ablaufen? Und dann erst der Massenanlauf vor Ort und die Nutzung der Öffis, um dort hinzukommen – unser im Grunde größte Gesundheitsrisikofaktor seit Wochen. Man muss sich das vorstellen, von (wirklich ganz draußen) Hüttel-Dorf bis ganz in die Stadthalle hinein!!! Gefühlt eine Weltreise in Zeiten einer Pandemie. Und jedenfalls mein größter Ausflug seit drei Monaten! Dennoch – oder gerade deswegen – möchte ich ihn um nichts in der Welt missen.

Bestes Event seit langem

Heute kann ich sagen: es war das Beste, was ich in den letzten Monaten erlebt habe. Ein Megaevent erster Güte war das! Für unsere erlebnisverwöhnte Generation sozusagen das Salz im Teig. Seit Wochen dürfen wir an keiner Großveranstaltung mehr teilnehmen und jetzt sollen wir ausdrücklich hin. Nein, wir müssen sogar, es ist unsere Bürger*innenehrenpflicht. In Schlangen dürfen wir Richtung Stadthalleneingang pilgern, bekommen an jeder Ecke etwas in die Hand gedrückt (Maske, Infozettel), werden drinnen von aufmerksamen Platzanweiser*innen zum richtigen Platz geführt und nehmen dann mit vielen – wirklich vielen – anderen an etwas teil, das Bedeutung hat. Und nirgends wird gedrängelt oder gepöbelt. Nur viel Wohlwollen im Raum. Und das ist ganz unironisch gemeint. Es hat mich aufrichtig geflasht. Den Erfahrungsbericht der Freundin hatte ich erst danach gehört. Auch mein Mann meinte im Nachhinein anerkennend, dass er bis dahin noch nie in der Stadthalle war. Und die Maske durfte man sogar mit nach Hause nehmen.

Gottesdienst und Party

Endlich wieder mal was Großes, was Erhabenes, was aus dem Dunstkreis der eigenen vier Wände und des Kleinfamiliendaseins Erhebendes. Es gibt noch andere Menschen da draußen. Hatte ich schon fast vergessen. Für mich gibt es außer uns vier eigentlich nur mehr Armin Wolf, das Eichhörnchen am Fensterbrett sowie alte Tatortfolgen. Vielleicht ist es des Menschen Bestimmung, an etwas Größerem teilhaben zu wollen? Viele Religionen und Weltanschauungen legen das nahe. Dort heißt es: Wir leben nicht für uns selbst, sondern für die Gemeinschaft – häufig bis hin zu einer göttlichen und einer himmlischen. Das wird in Gottesdiensten und religiösen Zusammenkünften erfahrbar. Aber auch die säkulare Welt kennt zig Formen der Gemeinschaftserfahrung, von großen politischen Organisationen bis in die Partynacht hinein. Ganz ohne religiöse Grundtextur verschmelzen Menschen in der Partynacht zu einer schwitzenden, pulsierenden Masse, fragen sich zeitweilig, wo ihr Körper endet und der des andern beginnt. Selbstvergessen.

Für’s nächste Mal

Danke Bundesheer (dass ich das einmal sagen würde): Die Organisation lässt keine Kritik zu. In kürzester Zeit erfährst du das Testergebnis und bist schon wieder draußen. Und superfreundlich sind auch alle zusammen. Als Heldin im Chaos bin ich schwer beeindruckt. Hmmm? Vielleicht sollte ich mir meine Hauptgehwege in Zukunft auch mal aufzeichnen? Hilft’s nicht, schadet’s nicht.
Aber eins ist fix, das nächste Mal kommen wir nur, wenn die politischen Bedingungen passen: Schulen und Kindergärten richtig offen und nicht zwischen irgendwelchen Feiertagen eingepasste Testungen. Ansonsten nehmen wir bei der nächsten Testung nämlich per Zoom-Konferenz teil. Die Give-Away-Maske kann uns das Bundesheer/die Bundesregierung dann per Post zusenden.

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